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Hirschenstand (Jelení) - Geschichte - detail

Beigetragen: Heimatbuch Landkreis Neudek, 1978

Hirschenstand mit Bura, Wasserstadt, Steingrube, Fuchsseite, Gaglberg, Gronesberg, Peterwinkel und dazu die Dorfmitte mit der Pfarrkirche St. Antonius v. Padua, zu der ursprünglich auch Neuhaus und Sauersack eingepfarrt waren.

Wie alle Erzgebirgssiedlungen ist auch der aus dem Tal des Schwarzwasserbaches bis zu 930 m u.d.M. aufsteigende Ort Hirschenstand durch Bergleute - vermutlich aus Schneeberg - gegründet worden.
Am Kronesberge war seit 1569 die »Bescherte Glücks- oder Kohlgrub Zinnzeche«. Des weiteren werden genannt: der St. Jörgen-Stollen, der Konrad-Stollen, die Hl. Dreikönigs-, St. Martin-, Glücksradzeche. Seit 1620 wird in der Bura hinter Peter Götzens Haus ein Bleibergwerk erwähnt, das einzige in der Gegend von Neudek.

Nach Dr. Riedls Forschungen wurde im Jahr 1570 erstmals im Neudeker Traubuch eine Familie aus dem späteren Ort Hirschenstand erwähnt. 1624 wurde das Dorf als Bergort genannt und 1654 erschien es erstmals in der Steuerrolle als Dorf mit zwei Anwesen. Bewohner sind Bergleute, die drei Gespanne, sechzehn Kühe und eine Ziege besitzen. Verschiedene alte Halden, Stollen und Bingen zeigen der Nachwelt, daß das Bergwerk einst in großer Blüte stand. Die Ortschaft wurde immer größer, so daß die Einwohnerzahl einmal bis auf 1600 anstieg. Wie eng mag es da in den Häusern zugegangen sein, wenn man bedenkt, daß es nur ca. 160 Häuser gab. Alte Leute, die es noch erlebt hatten, erzählten, daß in einer Stube zwei und drei Familien wohnten. Mit Kreide wurden die Grenzen gezogen. Abends wurden die Strohsäcke hereingeholt und morgens wieder hinausgeschafft. Gab es Krach, zog man mit seinen Habseligkeiten in ein anderes Haus, denn viel hatten damals die Menschen nicht.

Als dann die Ergiebigkeit des Bergwerks nachließ, wanderten viele Bewohner aus nach Delmenhorst, Neudek und anderen Industrieorten. Die Zurückgebliebenen mußten sich um andere Arbeitsmöglichkeiten umsehen. Einige fanden als Bauarbeiter im nahen Sachsen Arbeit oder gingen als Holzfäller und Köhler in den Wald. Andere fanden im Handsticken, Perlmutterknopferzeugung und die meisten im Klöppeln, das von Sachsen eingeführt wurde, eine so klägliche Verdienstmöglichkeit, daß Hungersnot und Krankheit ein ständiger Gast war. Die Einwohnerzahl sank unter 1000. Infolge der ungünstigen Lage konnte auch kein Getreide und Obst angebaut werden. Lediglich auf dem Gaglberg wurden einige Kartoffeln angebaut. Oft mußten sie aber im Schnee geerntet werden.

Die Bevölkerung war überwiegend katholisch. Nach dem Ersten Weltkrieg gründeten einige Bewohner eine Neuapostolische Kirche; ihren Gottesdienst
hielten sie in einem Raum des aufgelassenen Schachtgebäudes ab, später besuchten sie ihn in Sauersack.

Im Jahre 1832 wurde die Kirche gebaut, die dann nach 1945 wie alle anderen Gebäude von den Tschechen abgerissen wurde. Zur Pfarrei gehörte auch eine Pfarrwiese, die in Richtung Neuhaus lag. Da aber das Grundstück nicht ausreichte um eine Kuh zu halten, mußten einige Landbesitzer an die Pfarrei eine bestimmte Menge Heu abliefern.

Der älteste Laden sowie die Bäckerei gehörten Johann Kragl. Er buk als einer der ersten Bäcker das Brot mit Hilfe von Maschinen. Durch seine Maschinen und Rationalisierung konnte er das Brot billiger herstellen und somit konkurrenzlos verkaufen. Mit vier Pferdefuhrwerken belieferte er die umliegenden Ortschaften. Allmählich vergrößerte sich sein Besitz, so daß ihm ein Großteil der Häuser von Hirschenstand und Neuhaus gehörte. Er baute sich um die Jahrhundertwende eine recht komfortable Villa. Diese Villa war als einziges Haus von Hirschenstand mit Bad, Wasserleitung und Gas (Karbid) ausgestattet.

Im Jahre 1911 wurde ein Konsumverein gegründet. Er entwickelte sich rasch zum größten Geschäft des Ortes.
Zwischen der Pfarrei und der Kirche stand die Schule. Die erste Schule war im Haus Nr. 120 (Anton Kragl - Gober Anton) untergebracht. Da es noch keine Schulpflicht gab, schickten auch die Eltern ihre Kinder nicht in die Schule, denn sie mußten doch mit für den Lebensunterhalt beitragen. Mitte des vorigen Jahrhunderts dürfte die Schule gebaut worden sein, nachdem die Schulpflicht eingeführt wurde. Weil die drei Klassen nicht ausreichten, wurde 1887 eine 4. Klasse angebaut. Trotzdem waren in mancher Klasse bis zu 70 Kinder untergebracht, was für die Lehrer nicht gerade eine leichte Aufgabe war. 1924 wurde die 4. Klasse aufgelassen, später gab es nur noch 2 Klassen. Gegen Ende des Krieges wurde der Schulunterricht gänzlich eingestellt, da das Schulgebäude für Evakuierte benötigt wurde. Am Waldrand in Richtung Neuhaus war das Forsthaus untergebracht. Es wurde 1887 verkauft, später brannte es ab, dafür kaufte die Forstverwaltung die alte Mühle Nr. 32 unterhalb Wohner. Ab 1933 bestand zwischen dem Forstamt und Neudek eine direkte Telefonverbindung. Der Ort bekam 1933 Telefonanschluß.

Hirschenstand besaß insgesamt 7 Gasthäuser, den »Blauen Stern«, das Gasthaus »Zur Sonne« mit einem Saal und einer Fleischerei, das Gasthaus »Zur Erholung«, das ebenfalls einen Saal und eine Fleischerei besaß. Im Volksmund hieß es nur »Beim jungen Passig«, im Gegensatz zum anderen Gasthof, das oberhalb des Zollamtes lag und nur »Beim alten Passig« hieß. Ferner das Gasthaus »Waldfrieden«, das Hotel »Zur Pension«, dazu am Berg
nach Sauersack das Gasthaus »Zur Gemütlichkeit«, das aber schon zur Gemeinde Sauersack gehörte, wohin natürlich auch die Steuern abgeliefert werden mußten. Dieses Gasthaus hatte etwas Kurioses. Obzwar es - und noch einige andere Häuser - im Ort Hirschenstand stand, gehörte es zu Sauersack, das ca. vier Kilometer entfernt lag. Nun gab es bei Wahlen in der CSSR Alkoholverbot. War z. B. in Hirschenstand Gemeindewahl, durften die Hirschenständer Gasthäuser keinen Alkohol ausschenken, nur das Gasthaus »Zur Gemütlichkeit«, das allgemein nur »Beim Wertlleander« hieß, hatte dann geöffnet, was natürlich ein tolles Geschäft garantierte. Wenn es nach dem Leander gegangen wäre, hätte jeden Monat einmal eine Wahl stattgefunden.

Neben dem Klier-Haus stand einmal das »Alte Zollamt«, in dem das Gemeinde- und Postamt untergebracht waren. Als um die Mitte des vorigen Jahrhunderts die Bevölkerung bis auf 1600 Personen angewachsen war, wurde im Jahre 1869 eine Poststelle eröffnet. Der Postverkehr wurde bis zum Bahnbau Karlsbad-Johanngeorgenstadt täglich einmal zwischen Eibenstock i. S. über Hirschenstand-Neudek-Karlsbad durchgeführt. In der Postkutsche konnten auch Personen mitfahren, worunter sich des öfteren hochstehende Persönlichkeiten befanden. Gegen 16.00 Uhr traf meistens die Post ein, die aber nicht ausgetragen wurde, da es noch keinen festangestellten Briefträger gab, sondern sie mußte abgeholt werden. Später übernahm die Zustellung nebenbei der Schul- und Gemeindediener. Er bekam für einen Brief zwei und für eine Karte einen Kreuzer (zwei Heller). Als im Jahre 1890 Anton Hüber sein Haus an die Forstverwaltung verkaufte, übernahm der Forstverwalter J. Schmiedl das Postamt. Der Postverkehr nahm stark zu, sodaß für halbtags ein Briefträger eingestellt werden mußte. Hirschenstand war sehr langgestreckt. Von der Bura bis zum Kronesberg waren es gut eineinhalb Stunden Fußweg. Nachdem der Briefträger nur einen halben Tag bezahlt bekam, war er gezwungen, sich eine Nebenbeschäftigung zuzulegen. Da aber das Austragen der Post fast immer einen ganzen Tag in Anspruch nahm, konnte er diese Nebenbeschäftigung nicht ausüben. Von dem Geld das er bekam, konnte er aber nicht leben, somit mußte er die Stelle wechseln. Aus diesem Grund blieben die Briefträger nie länger dort beschäftigt.
1930 richtete Siegfried Elster zwischen Hirschenstand-Neuhammer-Neudek eine Buslinie ein. Eine Fahrt kostete 5,- Kc, was ungefähr dem Stundenlohn eines Maurers entsprach. 1939 wurde die Postbeförderung von der KVG übernommen, die seit dem Anschluß im Jahre 1938 eine Busverbindung zwischen Zwickau i. S. und Karlsbad (über Hirschenstand, Neudek) unterhielt. 1944 wurde die Linie aus kriegsbedingten Gründen eingestellt.
Hirschenstand war eine selbständige Gemeinde und hatte auch ein eigenes Gemeindeamt.

Hirschenstand lag direkt an der großen Verbindungsstraße Karlsbad-Neu-dek-Eibenstock-Zwickau - nur zwei Kilometer von der böhmisch-sächsischen Grenze entfernt. Aus diesem Grund besaßen wir auch ein eigenes Zollamt, um das Jahr 1880 wurde es vom Haus Nr. 45 in das Haus Nr. 43 verlegt. Im Erdgeschoß befand sich das Zollamt und im Obergeschoß logierten einige Grenzer. Das Gebäude gehörte der staatlichen Forstverwaltung, der sogenannten »Domäne«.

Im Ersten Weltkrieg wurde in Hirschenstand der Bergwerksbetrieb wieder aufgenommen, bis ungefähr 1921. Dann transportierte man die Maschinen ab. Während des Zweiten Weltkrieges brauchte die Kriegsindustrie wiederum Erz. Es kamen reichsdeutsche Ingenieure. Wieder wurden Maschinen herangeschafft, Baracken für Unterkünfte, Lagerräume und Büros gebaut. Als Zwangsarbeiter wurden Kriegsgefangene neben deutschen Arbeitern beschäftigt. Zu dieser Zeit ging es lebhaft in unserem Ort zu. Bei Kriegsende am 9. Mai 1945 wurde auch der Schachtbetrieb wieder eingestellt. Vereine: Die Feuerwehr wurde am 8. September 1900, der Veteranenverein 1877 gegründet; letzterer wurde nach der Ausrufung der CSR im Jahre 1918 in »Militärverein« umbenannt.

Des weiteren gab es noch den Bolzschützenverein. Im Gasthaus »Zur Sonne« versammelte man sich am 15. Januar 1878 zur Gründung, die Vereinsstatuten wurden an die Statthalterei nach Prag eingeschickt, und dann auch am 5. Juni 1878 bewilligt. Im Jahr 1890 gründeten einige sangesfreudige Männer den Gesangsverein.

Anfang der zwanziger Jahre gründeten einige Interessenten einen Wintersportverein. Es wurden einige Wintersportfeste mit Langläufen und einmal sogar ein Skispringen auf dem Leierberg veranstaltet. Was war das damals für eine Sensation, als die Springer ca. 25 bis 30 m weit sprangen! Die wenigsten Kinder besaßen eine richtige Skiausrüstung. Gefahren wurde meistens mit Faßdauben, die oben mit einem einfachen Riemen versehen waren. Mit diesen primitiven Faßdauben sprangen sie sogar über selbstgebaute Sprunghügel. Die Kinder, die noch keine eigenen Faßdauben besaßen, konnten es kaum erwarten, bis wieder einmal ein Faß leer wurde. Jedes Jahr fand ein Langlauf mit Faßdauben für die Schulkinder statt und der Sieger bekam immer ein Paar neue Skier.

Im Jahre 1936 wurde ein Sportplatz in Richtung Neuhaus, hinter dem Haus von Pachmann (Poochtonl) gebaut. Damals herrschte große Arbeitslosigkeit. Dieser Sportplatz wurde als Notstandsarbeit vom Kreis Neudek (damals hieß es Bezirk) mit 4000,- Kronen finanziert. Auch die Gemeinde Hirschenstand trug zur Finanzierung bei. Einen Arbeiter-Fußballverein gründeten Richard Zehrmann, Karl Lohwasser, Gustav Reitzner, Max Hannawald, Rudi Scharf und Walter Pilz. Ebenfalls 1936 gründete Hans Fink und einige Interessenten einen Turnverein. Das Turnen bestand aus Gymnastik und wurde im Gasthaus »Zur Sonne« abgehalten. Aus Neuhammer erhielt der Verein einige Turngeräte. Während des Krieges löste sich der Turnverein auf, da alle Wehrtauglichen eingezogen wurden.

Das kulturelle Leben auf dem Lande wurde von verschiedenen Laiengruppen gepflegt. Als Pionier für das Laientheater in Hirschenstand muß Pfarrer Lang angeführt werden, der nach dem Ersten Weltkrieg die Pfarrei in unserem Dorf übernahm. Er gründete verschiedene katholische Vereine: Den kath. Männer-, Frauen- und Jugendbund. Aus diesen Vereinen suchte er sich talentierte Mitglieder aus, die eine Theatergruppe bildeten. Gespielt wurde mindestens einmal im Jahr und zwar in der Adventszeit und zwischen Fasching und Ostern, wo keine Tanzveranstaltungen stattfanden. Diese Laiengruppe führte die verschiedensten Theaterstücke auf, sogar Singspiele. Neben der genannten Gruppe spielten dann noch andere Vereine, wie die Feuerwehr, der Veteranenverein, Gesangsverein und später die Sozialistische Jugend bzw. der Arbeiter-Radverein (ARUK). Der Gesangsverein gab ebenfalls gute Gesangs- und Theaterabende. In der Faschingszeit gab es jeden Sonntag, manchmal auch am Samstag, die beliebten Vereins- und Maskenbälle. Jeder Verein mußte sich bereits vor Weihnachten um einen Saal bemühen, da er sonst wegen Terminschwierigkeiten keinen freien Saal mehr zur Verfügung hatte. Das ganze Jahr über gab es fast jeden Sonntag Tanzveranstaltungen, die durchwegs gut besucht waren. Sogar aus dem nahen Sachsen kamen viele Gäste. Ein Kino gab es nicht. Erst nach 1939 kam jede Woche einmal ein Wanderkino.

Die letzten Tage im September bis zum Münchner Abkommen waren für unseren Grenzort sehr aufregend. Fast die gesamte Bevölkerung flüchtete - zum Teil auch mit Vieh - über die Grenze nach Sachsen, da sie glaubten, ein Krieg sei nicht mehr zu vermeiden. Ein kleiner Teil floh ins Innere der CSSR. Es blieben nur noch ca. 35 Personen im Ort zurück, die sich um das zurückgebliebene Vieh kümmerten.

1945: Von der Gemeinde wurden die Familien verständigt, am nächsten Tag mit 50 kg Gepäck vor dem Gemeindeamt zu erscheinen. Von hier aus wurden sie mit Lkw nach Neudek transportiert und in ein Lager gebracht, von wo aus sie dann nach Deutschland befördert wurden. Bis Anfang Juni 1946 wurden 85 Familien umgesiedelt. Die Zurückgebliebenen mußten dann die Heuernte einbringen, wofür sie aber nur wenig Lohn erhielten. Dieser geringe Lohn wurde noch einbehalten, damit die Transportkosten bezahlt werden konnten. Im Herbst 1946 war die Umsiedlung beendet, bis auf einige Spezial-arbeiter, die sich aber auch noch freiwillig zur Aussiedlung meldeten. Die Tschechen plünderten die Häuser aus, steckten sie anschließend an oder ließen sie verkommen.

Hirschenstand gehört heute nur noch der Vergangenheit an, wie so viele andere Ortschaften, die ebenfalls verschwunden sind. Die Bewohner, die bescheiden und arbeitsam waren, sind nun in alle Gegenden Deutschlands verstreut. Die alten Leute sterben langsam aus und die Jugend weiß nichts mehrvon der schönen Heimat.

Gerhard Pilz

Eingegeben: 2.2.2006



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